Die „Draußen-Zeit“ macht hungrig

Wir haben zur Zeit wirklich heiße Tage. In der Regel ist Pummel, meine Chefin, dann tagsüber nicht zu sehen. Sie verkrümmelt sich auf ihren Haselnussbaum oder irgend einen anderen, schattigen Platz. Uns sie hat schlechte Laune

Gestern Abend, als es draußen halbwegs erträglich wurde, stand sie wie aus dem Nichts plötzlich vor mir und maunzte energisch: „Setz Dich!“ – Mir war nicht bewusst, dass ich irgend etwas gemacht hätte, was ihr missfallen könnte. Sobald ich in dem alten Gartenstuhl saß, sprang sie als wäre sie ein Katzen-Teenager auf meine Knie. Immer wenn das geschieht, muss ich sie lange und ausgiebig kraueln. Sie zeigt mir schon wo und wie. Sollte ich zu früh damit aufhören, bekomme ich einen bösen Blick, und ich kraule weiter. Einmal täglich eine Katze ausgiebig kraueln, soll ja auch das Leben verlängern. Kann ich also auf ein sehr langes Leben hoffen und evtl. gesund sterben? Pummel schaut mich neugierig an, als könne sie jetzt auch noch Gedanken lesen. Manchmal denke ich: Sie kann!

Als die von Pummel festgesetzte, offizielle Krauelzeit von 18 1/2 Minuten vorbei war und Pummel ihren Blick einmal verträumt über den blauen Abendhimmel schweifen liess, drehte sie sich mit großen Augen zu mir um: „Mach, dass es im Winter warm ist bei Dir drinnen!“ – Klar, das sind Gedanken, die zur Zeit viele Menschen beschäftigen und mich auch. Nicht umsonst habe ich in den letzten Tagen an der Kreissäge gestanden und Feuerholz in ofengerechte Kisten verpackt. Das sind im übrigen tolle, stapelbare Hartplastikkisten, die in Supermärkten einfach auf dem Müll entsorgt werden. Was für eine Verschwendung.

Ich fragte Pummel: „Machst Du Dir Sorgen?“ – „Na klar, die Draußen-Zeit geht bald vorbei und in der Drinnen-Zeit will ich es auch warm haben!“ – Ich konnte Pummel ansehen, dass sie sich wirklich Sorgen macht. „In der Drinnen-Zeit will ich morgens und abends mein Fressen, täglich eine Stunde kraueln, abends die Tagesschau, und nachmittags schaue ich mal kurz, was die Kolleginnen und Kollegen machen. Und dann kommt irgendwann wieder die neue Draußen-Zeit! Und auch dann will ich morgens und abends mein Fressen, täglich mindestens eine Stunde kraueln und abends die Tagesschau. Zwischendrin kannst Du in der Draußen-Zeit machen was Du willst!“ – „Danke“, denke ich mir. Pummel hat klare Vorstellungen was Draußen und Drinnen zu geschehen hat. Das Jahr ist bei ihr auf ganz einfache Weise verplant. Probleme, die wir Dosenöffner uns machen, kennt sie nicht. Aber sie scheint eine Ahnung davon zu haben. Katzen verblüffen mich immer wieder mit ihrer Intelligenz und ihrer Gradeaus-Logik. Ich glaube, wenn Katzen einen Twitter-Account betreiben müssten, dann ständen da nur vier Buchstaben nach dem Hashtag: # L E B T.

Pummel legt mir zu meiner Verwunderung plötzlich ein Pfote auf die Schulter: „Mach‘ Dir keine Sorgen. Wir bekommen draußen eine milde Drinnen-Zeit!“ – Pummel verzieht sich wieder auf ihren Ausguckplatz auf dem Haselnussbaum.

In dem Moment kommt Tello (eigentlich Otello), der Kater im besten Mannesalter, um die Ecke gesaust und deutet mit der Pfote an er habe Hunger. Draußen-Zeit macht hungrig, also springt das Hauspersonal.