Schlechte Aussichten für die Altenpflege

Der demografische Wandel ist in vollem Gange. Unsere Gesellschaft wird immer älter – und immer pflegebedürftiger. Doch wer soll sich um all die alten Menschen kümmern? Das fragen sich auch im Nordkreis diejenigen, die in der Altenpflege arbeiten. Denn die Branche hat ein Problem: Es finden sich immer weniger Menschen, die Altenpfleger werden wollen. Dem will die niedersächsische Landesregierung entgegenwirken. Sie will den monatlichen Zuschuss zum Schulgeld für die Schüler und Umschüler, die ihren theoretischen Teil der Ausbildung an einer privaten Altenpflegeschule absolvieren, rückwirkend zum 1. August um 200 Euro erhöhen. „Damit sind alle Altenpflegeschüler in Niedersachsen vom Schulgeld befreit“, sagt Ministerpräsident David McAllister.

Das Vorhaben sei zwar eine Verbesserung, aber noch keine Lösung des Problems, meint Bruno Hartwig, Kreisvorsitzender des SoVD Diepholz. „In Einzelfällen kostet der Schulbesuch 260 Euro pro Monat“, sagt er. Zudem gebe es noch viele Ausbildungseinrichtungen, die ihren Lehrlingen in den drei Ausbildungsjahren nicht die tariflichen Staffelbeträge von 854,03 Euro, 918,14 Euro und 1021,39 Euro, sondern nur 500 bis 700 Euro brutto zahlen.

„Es muss mehr getan werden. Wir haben einen absoluten Mangel an Auszubildenden“, sagt Kurt Popp, Leiter des Seniorenheimes Haus Drei Linden in Bassum. Dabei möchte man im Haus Drei Linden sehr gerne praktisch ausbilden. „Wir streben an, immer drei Auszubildende zu beschäftigen“, so Popp. In Zeiten des Fachkräftemangels wolle man sich so seine eigenen Fachkräfte schaffen.

An dem Grundproblem in der Altenpflege ändere die erhöhte Schulgeldförderung nichts, meint Popp. Zum einen gebe es zu wenig geeignete Bewerber. Zum anderen würden zu wenig Einrichtungen ausbilden. „Ein Auszubildender kostet eben Geld und macht Arbeit“, sagt Popp. Zudem sei der klassische Frauenberuf der Altenpflegerin zu unattraktiv – schon wegen der Arbeitszeiten, die Schicht-, Nacht- und Wochenenddienste einschließen. Hinzu kämen körperliche und psychische Belastung. Wenn man sich da die niedrigen Gehälter ansehe, verwundere es nicht, dass der Beruf an Ansehen verloren hätte.

Vor allem den Berufseinsteigern werde der Start schwer gemacht – viele würden ihre Ausbildung wieder abbrechen. „Im ländlichen Raum gibt es nur wenige Altenpflegeschulen“, sagt Popp. „Ohne ein Auto sind die Strecken zur Schule und Ausbildungseinrichtung kaum zu schaffen.“ Allerdings seien viele Schüler beim Ausbildungsbeginn erst 17 Jahre alt und dürften noch nicht alleine Auto fahren. „Im Schichtdienst sind die Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht machbar“, so Popp.

Doch auch für ältere Umschüler sei der Einstieg in die Altenpflege nicht einfach. Das weiß Bettina Hertel aus eigener Erfahrung. Die 52-Jährige ist eine von zwei Auszubildenden im Haus Drei Linden. Die Diplom-Sozialpädagogin und Geragogin, also Fachkraft für psychosoziale Altenarbeit, beschloss nach einer betriebsbedingten Kündigung, sich zur examinierten Altenpflegerin umschulen zu lassen.

Doch das war nicht so einfach. „Zunächst wurde mir die Umschulung bei der Agentur für Arbeit trotz des Nachwuchsmangels gar nicht angeboten. Ich musste meinen Sachbearbeiter fast überzeugen“, erzählt Hertel. Nach einigen Hürden bekam sie einen vollen Bildungsgutschein von der Agentur für Arbeit. Doch der gilt nur für die ersten zwei Jahre der Ausbildung. „Im dritten Jahr bin ich auf mich allein gestellt. Das wird mit dem Ausbildungsgehalt schwierig“, so Hertel. „Die Ämter handeln völlig am Bedarf vorbei.“

Die würden sich jedoch nur an die gesetzlichen Regelungen halten, sagt Alena Preuß, Geschäftsstellenleiterin der Agentur für Arbeit in Syke. „Umschulungen dürfen nur gefördert werden, wenn die Ausbildungszeit um ein Drittel verkürzt werden kann“, sagt sie. Es gebe aber Ausbildungen, die nicht verkürzt werden dürfen – wie die Altenpflegeausbildung. In dem Fall dürfe die Agentur für Arbeit die Umschüler nur in den ersten zwei Jahren bei den Weiterbildungs- und Lebensunterhaltungskosten unterstützen. Das dritte Jahr müssten die Umschüler in Eigenregie bestreiten. „Ob das möglich ist, wird vor dem Beginn der Umschulung in einem Beratungsgespräch sichergestellt“, so Preuß. „Wobei ja jetzt das Schulgeld wegfällt.“ Generell sei die Nachfrage nach Umschulungen zum Altenpfleger sehr gering. „Dabei haben wir viele Möglichkeiten anzubieten, und auch die Nachfrage der Arbeitgeber ist sehr stark“, so Preuß.

Dies sei auch bei der Residenz-Gruppe Bremen der Fall, wie Geschäftsführer Frank Markus erzählt. Das Unternehmen, das mehrere Seniorenwohnheime in Stuhr und Weyhe betreibt, beschäftigt derzeit rund 65 Auszubildende. Doch auch hier herrsche Nachwuchsmangel. „Wir müssen uns schon jetzt mit Hilfskräften behelfen, die wir zu Umschulungen zum examinierten Altenpfleger animieren“, so Markus. „Der Beruf ist einfach nicht hip. Dabei gibt es sehr gute Karrierechancen.“ Auch Hertel rät zu dem Beruf: „Wer Spaß am Umgang mit Menschen hat, empathisch ist und Situationen gut beobachten und einschätzen kann, ist hier richtig.“

Sollten sich nicht mehr solcher Bewerber finden, sieht Markus schwarz: „Es werden bald mehr Altenpfleger benötigt, als wir uns vorstellen können.“ Auch Popp malt ein Schreckensbild: „Wir werden bald nicht einmal die ausscheidenden Kräfte ersetzen können“, sagt er. „Wenn sich nichts ändert, können wir nicht mehr umsetzen, was die Schulen lehren: die alten Menschen aktiv am Leben teilhaben lassen.“ ……..

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