Lindenstraße – Immer noch mein Favorit

Als erste deutsche Seifenoper läutete die Lindenstraße im Jahr 1985 eine neue Generation von Fernsehshow ein, die das Bindungspotenzial des Mediums Fernsehen überhaupt erst vollkommen für sich entdeckt hatte und nutzte. Heute hat die Lindenstraße das Vierteljahrhundert längst hinter sich gelassen. Und selbst wenn wir in all der Zeit nicht jede Folge gesehen haben, so gehört diese Serie doch irgendwie zu unserem Leben, weil sie einfach da ist, weil sie immer schon da war und läuft und läuft und läuft.
 
Die Lindenstraße und die Bewohner
Zu den ständigen Bewohnern der Lindenstraße, die seit der ersten Ausstrahlung vor 25 Jahren mit dabei sind, gehören Gabi Zenker (Andrea Spatzek), Dr. Ludwig Dressler (Ludwig Haas), Vasily Sarikakis (Hermes Hodolides), Klaus (Moritz A. Sachs), Hans (Joachim Hermann Luger) und Helga „Mutter der Nation“ Beimer (Marie-Luise Marjan). Wenn die Serie ihre Schauspieler nicht überlebt hätte, wären auch Berta „Rehlein“ Griese (Ute Mora), Egon (Wolfgang Grönebaum) und Else Kling (Annemarie Wendl) mit Sicherheit noch mit von der Partie. Über ihren Tod zeigten Fans in ganz Deutschland ihre Bestürzung.
 
Die Lindenstraße und die Zuschauer
Zwischen den Lindenstraßen-Bewohnern und ihrem treuen Publikum herrscht seit jeher eine starke Bindung, die nicht zuletzt von der enormen Dauer der gemeinsamen Beziehung rührt. Die Glaubwürdigkeit und Konstanz der Charaktere sind es – so hebt es der Produzent Hans W. Geissendörfer hervor, die uns die Lindenstraßen-Bewohner zu „stellvertretenden Nachbarn“ (Süddeutsche) werden lässt. Wenn sich die Familienkonstellationen im Hause Beimer einmal ändern, dann braucht das Vorbereitung. Dass die Serie nur wöchentlich ausgestrahlt wird, wirkt diesbezüglich unterstützend. Problematisch wird das immer dann, wenn Schauspieler mit ihren Rollen verwechselt werden. Bei der Lindenstraße ist das mehr als einmal geschehen. Joachim Hermann Luger musste sich zum Beispiel beim Markteinkauf vor den Drohungen von Lindenstraßen-Fans retten, die ihn wegen Hans Beimers Trennung von Helga mit faulen Äpfeln bewerfen wollten.
 
Die Lindenstraße und die Gesellschaft
Das enge Verhältnis zu ihren Zuschauern war niemals nur Selbstzweck der Serie. Lindenstraße und ihre Bewohner haben sich mit Abbildung und Aufklärung von Gesellschaft nicht zufrieden gegeben, sie strebten vielmehr auch nach einer Veränderung derselben. Die „personenstarke Großerzählung von der bundesdeutschen Gesellschaft“ (bpb) versteht sich als Gesellschaftsquerschnitt, dessen Akteure aufgrund der Größe des Casts nicht zu allzu platten Stereotypen verkommen. Statt eines tuntigen Quoten-Schwulen wartet die Lindenstraße gleich mit mehreren Homosexuellen auf, die diverser nicht sein könnten. Genauso verfährt die Serie auch mit anderen Randgruppen wie Ausländern, Behinderten oder auch älteren Menschen. Letztere sind in Daily Soaps, die anders als die Lindenstraße meist kommerziell orientiert sind, symptomatisch unterrepräsentiert.
 
Die Lindenstraße und die Aufklärung
Um über jene Randgruppen, gesellschaftliche Debatten oder Tabuthemen zu informieren, nahm Lindenstraße seit jeher eine Vorreiterrolle ein. Der erste TV-Kuss zwischen zwei Männern, der erste heterosexuelle Mann, der an AIDS erkrankte, Scheidung, Abtreibung, Drogenabhängigkeit, Teenie-Schwangerschaft, Potenzstörungen, häusliche Gewalt, Ausländerfeindlichkeit, Essstörungen, Extremismus, Terrorismus, die Lindenstraße hat sie alle gehabt. Das Themenspektrum aus 25 Serienjahren ist unerschöpflich. Mit Aktionen wie Ausländerwahlrecht-Kampagne „Wählt Gung!“, „Benno hat Aids“, einem Slogan, der Ende der 1980er Jahre über die Sendung hinaus zum Schlagwort geworden ist, oder dem Aufruf der Lindenstraßen-Bewohner gegen einen Angriffskrieg gegen den Irak im Jahr 2003 positionierte sich der Soap-Dinosaurier so klar im öffentlichen Diskurs, wie dies keine andere Serie getan hat. Mit der öffentlichen Bezeichnung des CSU-Politikers Peter Gauweiler als Faschisten durch Chris Barnsteg handelte sich die Serie sogar eine Verleumdungsklage ein.
 
Die Lindenstraße und die Aktualität
Um gesellschaftliche Debatten schon im voraus vorbereiten zu können, verfuhr die Serie, deren Folgen eigentlich vorproduziert werden, bisher oftmals so, dass auf aktuelle brisante Ereignisse direkt reagiert wird, indem kleinere Passagen erst kurz vor Ausstrahlung nachgedreht werden. Zu solchen Reaktionen kommt es regelmäßig, wenn aktuelle Wahlhochrechnungen eingefügt werden, aber auch bei den Ergebnissen der Fussball-WM oder politischen Entscheidungen wie dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Zur Bundestagswahl 1998 bereiteten die Lindenstraßen-Macher im Voraus sogar vier verschiedene Episoden-Versionen vor, die auf den unterschiedlichen Wahlausgang eingehen konnten. Allein die Terroranschläge des 11. Septembers 2001 fanden keine direkte Auseinandersetzung. Aber auch Seifenopern-Gigant wie die Lindenstraße hat schließlich seine Grenzen.
 
 

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